Amberger Zeitung  -  25.03.2010

"Das Singen wischt den Staub von der Seele" 
Seit 40 Jahren im Oratorienchor: Von der Singgemeinschaft Englhardt bis zu Carmina Burana und Verdi-Requiem Amberg. 


Fünf Gründungsmitglieder sind beim Oratorienchor auch nach 40 Jahren noch aktiv. Auf dem Bild von links: Maria Schram, Marianne Lang, Horst Hermannsdorfer, Ingeborg Flechsig und Bruno Martin. (Bilder: Hartl)

VON THOMAS KOSAREW

Maria Schrams Vater war streng. Sehr streng. "Als Jugendliche habe ich nirgendwo hin gedurft, aber in den Chor", sagt die mittlerweile 69-Jährige, die schon als Kind sang und mit 16 Jahren Sopranistin war. "Chor geht vor. Da komme, was will", sagt die Seniorin, die als eines von noch fünf aktiven Gründungsmitgliedern seit 40 Jahren ununterbrochen dem Amberger Oratorienchor die Treue hält. 

Die Erinnerungen von Maria Schram gehen viel weiter zurück als in das Jahr 1970. Bereits 16 Jahre zuvor gab es in Amberg die Singgemeinschaft des Chorleiters Hermann Englhardt, der in der Nachkriegszeit 50 Sängerinnen und Sänger aller Stimmlagen um sich scharte. "Es war der erste richtige große Chor für Oratorien", weiß Bruno Martin und erzählt, dass Englhardt am damaligen Deutschen Gymnasium, dem heutigen Max-Reger-Gymnasium, als Lehrer tätig war. Unter seiner Regie wurden einst das Amberger Blut und der Messias aufgeführt, bevor es 1963 an die große Öffentlichkeit ging. Im Stadtgebiet wurde die frische Partnerschaft mit Périgueux auch musikalisch gefeiert.

Chorleiter stirbt mit 47

Den ein Jahr später vereinbarten Gegenbesuch in Frankreich erlebte der Chorleiter aber nicht mehr. Er starb am 16. Juni 1963 im Alter von nur 47 Jahren. "Sein drittes Kind war erst ein paar Monate alt", blickt Marianne Lang, die ebenfalls zu den noch aktiven Gründungsmitgliedern gehört, zurück. Sie erzählt, dass der Lehrer Heiner Brunner die Singgemeinschaft Englhardt spontan übernahm und dann nach Périgueux begleitete. Danach waren es einflussreiche Amberger wie Oberbürgermeister Dr. Wolf Steininger, Theaterberater Joachim Kubeng und der Landtagsabgeordnete Toni Donhauser, die mit Günther Jung einen Nachfolger für die Chorleitung fanden. Mit ihm begann auch die Geschichte des Oratorienchors, der am 14. April 1970 in der Bruckmüller-Gaststätte ins Leben gerufen wurde.

Zur ersten Probe trafen sich am 20. April 1970 über 30 Aktive, am 23. Mai 1971 fand das erste Konzert statt. "Amberg hat wieder einen repräsentativen Chor", schwärmte AZ-Kritiker Karl Schwämmlein damals. Der Lehrer und Schulrektor, der auch grundlegende Forschungen zur Musikgeschichte betrieb, lobte in den höchsten Tönen: "So kann man Günther Jung und seinem Chor bestätigen, die Erwartungen, die von vielen Seiten an sie gestellt wurden, erfüllt zu haben." Unter anderem waren Haßlers "Nun fanget an", Peuerls "O Musica" und Othmayrs "Wohlauf, gut Gsell" im Josefshaus erklungen. 

Gemeinsame große Ziele

Vier Jahrzehnte später bereiten die Sänger in ihrem Jubiläumsjahr das Requiem von Guiseppe Verdi vor. Die Leitung hat mit Thomas Appel (44) ein erfahrener Mann: "Seit ich zwölf Jahre alt bin, leite ich Chöre." Begonnen hat seine Karriere im Kindesalter in der Harzer Heimat: "Damals habe ich den Kirchenchor übernommen, weil es keinen gab, der das machen wollte." Jetzt arbeitet er mit knapp 100 Aktiven: "Sie kommen, weil sie alle ein Ziel haben. Den Anspruch, auf ein gemeinsames großes Ziel hinzuarbeiten." Dem Chor gehe es auch darum, "Musik, die man lange nicht gehört hat oder in Amberg noch nie gehört hat", aufzuführen.

Nachwuchs dank Carmina

Ein Vorhaben, das Martin Schmidt zu 100 Prozent unterstützt. Der Amberger, der beruflich in Regensburg tätig ist, ist Vorsitzender des Oratorienchors, der sich im Gegensatz zu vielen reinen Männerchören um seinen Nachwuchs keine Sorgen machen muss. "Die Carmina Burana haben uns im vergangenen Jahr viele jüngere Sänger beschert", sagt Schmidt über das Werk, das im Jubiläumsjahr der Stadt Amberg im Malteser-Innenhof zur Aufführung kam und für das es im Vorfeld eine Art Talentschau gab (wir berichteten).

Die jüngsten Sänger, die damals zum Oratorienchor kamen, waren 16 Jahre alt und könnten damit die Enkel von Ingeborg Flechsig sein, die der nächsten Generation in einem Satz beschreibt, welche Bedeutung der Gesang für sie hat: "Das Singen wischt den Staub von der Seele."

Sie kommen, weil sie alle ein Ziel haben. Den Anspruch, auf ein gemeinsames großes Ziel hinzuarbeiten.
Thomas Appel,
Leiter des Oratorienchors

 

Die Carmina Burana haben uns im vergangenen Jahr viele jüngere Sänger beschert.
Martin Schmidt, Vorsitzender des Oratorienchors

 

Die Leidenschaft der Gründungsmitglieder

Bruno Martin (71): "Für den Chor bin ich jede Woche gerne von Schnaittenbach nach Amberg und zurück gefahren. Das sind 44 Kilometer. Das summiert sich." 

Marianne Lang (79): "Ich bin aus Liebe zur Musik beim Chor. Er ist für alle von uns wie Brot und Wasser."

Maria Schram (69): "Durch den Chor sind so viele Freundschaften entstanden. Darauf würde ich nie im Leben verzichten wollen." 

Horst Hermannsdorfer (76): "Seit meinem zehnten Lebensjahr gehört das Singen für mich einfach dazu. Der Oratorienchor hat sich für mich angeboten, um mein Betätigungsfeld erweitern zu können."

Ingeborg Flechsig (72): "Damals musste man noch gute Schulnoten haben. Sonst wurde man vom Direktor nicht für den Chor freigestellt. Man sollte den Gesang verehren. Er gibt einem so viel. Ein Leben lang."

 


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Letztes Update: 2010-03-25