Amberger Zeitung Mai 1993
Amberger Oratorienchor eröffnete
diesjährigen Kultursommer
Amberg. Mit einem musikalischen Frühlingsstrauß eröffnete der "Amberger Oratorienchor" am Sonntagabend im Kongregationssaal die Veranstaltungsreihe des "Amberger Kultursomrners". Neben Chorsätzen auf der Grundlage von volkstümlichen Gedichten gab es auch die nicht alltägliche Kombination Flöte-Gitarre zu hören.
A-capella-Chorgesang ist ein mutiges, nicht ganz risikoloses Unternehmen. Wird doch ohne die zudeckende wie stützende, aber auch einengende Ummantelung von Orchesterinstrumenten das tonale Skelett mit allen, selbst kleinsten Unebenheiten und Schönheitsfehlern hörbar! Die Kunst des Chorleiters zeigt sich auch darin, nicht unablässig auf Perfektion zu pochen, sondern mit erkannten, aber oft hartnäckigen Unzulänglichkeiten elegant umzugehen. Günther Jung verstand es, die "Schokoladenseiten" seines Chores souverän zu präsentieren, wenngleich manche Schwächen nicht versteckt bleiben konnten.
In den "Vier Frühlingsliedern" op. 100 nach Texten von L. Uhland, vertont durch F. Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847), demonstrierten zuverlässige Bässe, strahlende Tenöre und stabile Altstimmen eindrucksvoll ihren dynamischen Reichtum. Vom Überschwang, verursacht von der erwachenden Natur, über ruhig-wogende Besinnlichkeit bis zu sehnsuchtsvoller Schwermut reichte die Ausdrucksfähigkeit der Sänger.
Nur die konzentrierte ständige Aktion und Reaktion zwischen Chorleiter und Chor ermöglichte die gelungene Umsetzung der vielfältigen romantischen Gefühlswelt. Etwas störend wirkten die manchmal schrillen Höhen im zahle überlegenen Sopran. Die dort entstandenen Unreinheiten schafften den übrigen Stimmen unangenehme Intonationsproblerne.Weniger Dramatik, dafür mehr "Pfiff' hätte man sich für die zweite Prograrnn-igruppe gewünscht. Die Madrigale nach W. Busch "Wer zuletzt lacht. . ." von Karl Thieme (geb. 1909) leben von einer Art logischen Humors, dessen Spritzigkeit die exakte rhythmische Deklamation nur ansatzweise verdeutlichte. Mit überzeichneten Ausdrucksmitteln, an wenigen Stellen effektvoll eingesetzt, wären möglicherweise witzige Überraschungseffekte zu erzielen.
Spürbar in seinem Element fühlte sich der Chor in dem Zyklus nach Heinz Haubrich "Heiter ist des Lebens Kunst" von Waldram Hollfelder (geb. 1924). Die Lebensregeln aus prägnanten Volksweisheiten wurden geradeheraus mit jugendlich-munterem Schwung vorgetragen. Sie waren beste Überzeugungsarbeit für den Satz: Singen macht Freude.
Für ergänzende Farbtupfer im Biedermeierstrauß, den der Chor mit der "blauen Blume der Romantik" gebunden hatte, sorgten Elisabeth Riessbeck, Flöte und Klaus Jäckle, Gitarre. Die Akustik des Kongregationssaales schien für die subtil-sensitive Tonerzeugung der beiden wie
geschaffen. Schon die frühklassischen, frühlingshaft-verzierten Eingangssätze aus der "Hamburger Sonate" in G von C. Ph. E. Bach (1714-1788) und der "Sonate C-Dur" K.V. 545 von W. A. Mozart (1756-1791) zeigten ein virtuoses, in Frage- und Antwortspielen versiertes Team.Sowohl die Vorstellung innerer Gefühlstiefe als auch die technischen Fertigkeiten zu deren Umsetzung waren in zwei Zyklen gefordert, die in verschiedenen Stilepochen jeweils anläßlich der Geburt eines Kindes entstanden. Der eine, "Dolly" op. 56 von Gabriel Faure (1845-1924), erzählte lautmalerisch die Geschichte eines lebhaften kleinen Mädchens. Der andere, "Stimmungen" op. 57 von Heinrich Hartl (geb. 1953) abstrahierte die Hoffnungen, Erwartungen, Ängste und Freuden um die Geburt.
Südamerikanisches Temperament brachten der "Choro für Gitarre solo" des Brasilianers Heitor Villa-Lobos (1887 -1959) ebenso wie zwei Sätze aus der "Histoire du Tango" des Argentiniers Astor Piazolla. So mitreißend und künstlerisch anspruchsvoll zugleich kann "Straßenfolklore" sein! Das reizvolle, gut vorbereitete Programm hätte wesentlich mehr Zuhörer verdient gehabt. Schade, daß es den Koordinatoren des "Amberger Kultursornmers" nicht gelungen ist, schon am ersten Tag Parallelveranstaltungen zu vermeiden.
Hannelore Zapf-Wolf
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Letztes Update: 2000-08-04