Amberger Volksblatt Juni 1994

Nach 20 Jahren hat der Amberger Oratorienchor ihn wieder aufgeführt
Der "Messias": Mehr als ein Musikerlebnis
Begeisterte Zuhörer in der Basilika St. Martin
Großartige Stabführung von Günther Jung

Amberg. Georg Friedrich Händel, der "weltoffene, kraftgeladene Barockmensch" schrieb den "Messias" in nur drei Wochen. Am Sonntag nachmittag brachte der Amberger Oratorienchor dieses wohl bedeutendste aller Oratorien nach 20 Jahren, wie es in der Ankündigung zu lesen stand, in der Basilika St. Martin wieder zur Aufführung. Das Publikum bedankte sich für die beeindruckende, über zweistündige Musikdarbietung mit langanhaltendem Applaus Damit honorierte man nicht nur die hervorragenden Leistungen, die bravouröse Orchesterdarbietung oder die ausgefeilten Chorgesänge, sondern in besonderem Maße auch die großartige Stabführung des musikalischen Leiters Günther Jung.

Chor, Orchester und Solisten schmiedete der Meister zu einer kraftvollen Einheit und lockte aus allen Mitwirkenden Höchstleistungen heraus. Dem Amberger Oratorienchor eilt bereits ein guter Ruf voraus, und dem wußte er wieder voll gerecht zu werden. Verstärkt durch Mitglieder des Münsterchors Kreuzberg/Schwandorf verfügte der Chor über ein voluminöses Stimmpotential. In ausgefeiltem, technisch hochstehendem Vortrag begeisterten die Sängerinnen und Sänger im ersten Teil bereits im "Denn es ist uns ein Kind geboren". Den zweiten Teil mit seinein Auferstehungsjubel beschlossen sie mit dem dramatisch aufgebauten und mit hinreißendem Schwung gesungenen "Halleluja" und setzten damit bereits einen ersten, überwältigenden Höhepunkt.

Im feierlich majestätischen, breit dahinfließenden Schlußchor Auf immer und ewig" und dem wie Glockengeläut ausklingenden "Amen" erfuhr er noch einmal eine gewaltige Steigerung. Gerade die anspruchsvolle Interpretation, die Ausgefeiltheit der einzelnen Gesänge und der glanzvolle, technisch gute Vortrag verrieten die intensive Auseinandersetzung mit dem Werk. Hier zeigte sich die Meisterschaft der Sänger, ihre Disziplin, ihr Fleiß und nicht zuletzt die Harmonie zwischen dem Dirigenten und seinem Ensemble.

Ein ähnliches Lob gebührt dem Messiasorchester Collegium Noricum, das fast ausschließlich auf Streicher und Cembaloklang (Josef Dotzler) gestellt und nur gelegentlich durch Oboe und Fagott, Trompete (großartiger Solist) und Pauke ergänzt wurde. Sowohl in der Chor- als auch in der Arienbegleitung überzeugten die Musiker, fügten sich ein, ordneten sich unter oder dominierten im Wettstreit mit den Gesangsstimmen. Überragend zum Beispiel die Begleitung bei der Alt-Arie: "Er ward verschmähet", etwas träge, fast schläfrig die "Hirtenmusik", dagegen wieder präzise und begeisternd im "Sie schallt, die Posaun", mit dem mitreißenden Trompetensolo.

Auch die Solisten fügten sich bestens in das musikalische Gesamtbild. Friederike Wagner mit ihrem leichten, unbeschwerten Sopran überzeugte ganz besonders. Von Anfang bis zum Schluß hielt ihre Stimme das hohe Niveau, wußte sie die Stimmungen zu variieren und Glanzpunkte zu setzen, wie bei "Es waren Hirten beisammen" oder "Ich weiß, daß mein Erlöser lebet". Henriette Meyer-Ravenstein steigerte ihren zwar recht variablen, aber sehr verhaltenen und manchmal kaum hörbaren Alt. Ihre Arie "Er ward verschmähet und verachtet" gefiel ebenso gut wie auch das Duett mit dem Sopran: "Er weidet seine Herde...". Andreas Schulist (Tenor) und Thomas Ogilvie (Baß) brachten die Männerstimmen gekonnt ein. Stimmlich perfekt, im Ausdruck einfühlsam und mit viel Engagement - wußten sie ihren Part zu gestalten und mit charaktervoller Interpretation das unvergleichliche Werk Händels lebendig zu machen.

Leider waren nicht alle Bänke der Martinskirche bis auf den letzten Platz gefüllt, was die Qualität der Aufführung absolut verdient hätte. Für die Besucher, die sich diesen Genuß nicht entgehen ließen, erfüllte sich ein besonderes Musikerlebrils. Vielleicht spürte so mancher etwas von dem, was der Meister selbst nach der Uraufführung seines Messias sagte: "Es täte mir leid, wenn ich die Menschen nur unterhalten ätte, ich wollte sie besser machen."

Marielouise Scharf


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Letztes Update: 2000-08-04