Amberger Nachrichten - 19.04.2006
Ein ergreifendes Hörerlebnis der
besonderen Art
„Laut wird die Posaune klingen": Amberger Oratorienchor sang Dvoräks Requiem,
Thomas Appel dirigierte
VON CHRISTINA PIGERL
AMBERG. Ein Hörerlebnis der besonderen Art hat am Abend des Karfreitags im ACC Amberg stattgefunden. Unter der musikalischen Leitung von Thomas Appel sang der Amberger Oratorienchor zum zehnjährigen Bestehen des ACC das Dvoák-Requiem, op. 89, in b-Moll. Begleitet wurde der Chor vom Amberger Sinfonieorchester.
Das von Antonin Dvorák um 1890 komponierte Requiem darf auf einer imaginären Hitliste großer Chororatorien nicht fehlen. Dennoch gehört es nicht zu den unumstößlichen Favoriten wie Mozarts, Berlioz' oder Verdis Requiem-Vertonungen. Und doch wird es immer wieder aufgeführt, so dass es fast schon als Geheimtipp gilt. Was wäre für ein Karfreitagskonzert also geeigneter als das Dvoráks Requiem, das sich seinem Zuhörer weder aufdrängt noch extrovertiert musikalisch wirkt.
Komposition aus dem Jahr 1890
Im Gegensatz zu Dvoráks bekanntem „Stabat mater" oder der 5. Sinfonie „Aus der neuen Welt" handelt es sich bei der Komposition um kein aus eigenen Stücken initiiertes Werk. Der Tscheche komponierte es 1890 für das Musikfestival in Birmingham - in einem Zeitalter also, in der viele Gesangsverein-Gründungen stattfanden, die einen großen Bedarf an zeitgenössischen Oratorien hatten. Für das Requiem verwendete Dvorak den traditionellen, liturgischen Text und teilte diesen in 13 kleinere Einheiten zu zwei übergeordneten Teilen. Der lyrische Gestus herrscht dabei vor, die poetische Vielfalt des lateinischen Textes wird in nuancierte Expressionen umgesetzt.
Dass die melodische Erfindungskraft bei
Dvorák enorm ist, erkennt der Hörer schon im ersten Stück.
Leise und unheimlich, wenn auch etwas unsicher begann so auch der Amberger Oratorienchor mit „Requiem aeternam dona eis domine"
(Ewige Ruhe schenke ihnen, o Herr). Die vier Solisten Ingeborg Greiner (Sopran), Barbara Hölzl (Alt), Hugo Mallet (Tenor) und Thomas
Dobmeier (Bass) führten den ersten Teil mit „Exaudi orationem meam" (Erhöre
mein Gebet") sehr einfühlsam, ja sphärisch gar gemeinsam mit dem ausdrucksstarken Chor, zum Kyrie-Eleison-Ruf „Herr, erbarme dich".
Die dennoch düstere, vermollte Stimmung verdeutlichte dem Publikum, dass nicht nur das ausgesprochene „Herr, erbarme dich" wichtig ist. Eben diese enge Grenze zwischen Tod und Erlösung hält Dvorak
musikalisch in seiner Harmonik fest. Thomas Appel dirigierte daher den kantilenen Nachsatz mit Bläserostinato nachdenklich und beinahe traurig mit feinstem piano in das „Graduale", bei dem die Sopranistin Ingeborg Greiner aus Hamburg ihr musikalisches Können - vor allem in der tiefen Lage - unter Beweis stellte. Im folgendem „Dies irae" (Tag des Zornes) ließ Thomas Appel das Amberger Sinfonieorchester wie fanfarenartige Hörner und unentwegt dumpf schlagende Pauken wahrhaft das Höllenfeuer erkennen, über dem die verlorenen Seelen, die Streicher, in „Circulatio"-Bewegungen hoffnungsvoll seufzend fegten. Erst ein strahlender Trompetenklang, der dem Leitmotiv entspricht, löste den Tag des Zornes in einen
Hoffnungsschimmer: „Quando iudex est venturus" (Wenn der Richter kommt). Hell und strahlend verkündete nun der Tenorsolist Hugo Mallet im vierten Teil, dem „Turba mirum", die Ankunft des Herrn: „Laut wird die Posaune klingen, mächtig in die Gräber dringen." Fast zu lyrisch und weich sang Mallet diese ernste Botschaft, mit fast zu hohem künstlerischen Anspruch für ein Oratorium.
Hingegen sang Thomas Dobmeier in der Solopartie des „Lacrimosa" mit stimmlicher Vielfalt. Tief und unheimlich erschütternd besang er den „Tag der Tränen, Tag der Wehen, da vom Grabe wir erstehen". Wunderbar gleichsam wechselten die Bläser von Blech zu Holz bis in die Bassinstrumente und zu den Streichern, die sich in einem Duett von Bass und der Altistin Barbara Hölzl mit unglaublich stimmlicher Darstellungskraft vereinigten: „Lass ihn, Gott, Erbarmen finden." Der Chor setzte schließlich mit den Solisten im „Pie Jesu" ein, einer Lobsagung an den gnädigen Gott. Eine Querflöte klang einem kurzen solistischen A-Capella-Teil nach, welcher einem tiefgreifend gesungenem Tutti-„Amen" folgte - düster, in pianissimo und Moll. Auferstehung und Tod liegen eben nahe beieinander ...
Der „große Atem" des Requiems
Nach der Pause folgten „Offertorium", „Hostias", „Sanctus", „Pie Jesu" und „Agnus Dei". Die Verwendung eines einzigen motivischen Elementes, des Leitmotivs, und dessen Wirkung war vor allem ab „Sanctus" erkennbar. Die von Dvorak bewusst gestaltete, melodische Architektur des Satzes sorgte hier für den „großen Atem" des Requiems. Die zwei Sätze des zweiten Teiles, „Offertorium" und „Hostias", waren schon allein durch die Wiederholung der vom Oratorienchor Amberg überzeugend gesungenen Fuge „Quam olim Abrahae" ineinander verschränkt. Darüber hinaus herrschte ein symmetrischer Bau vor, der aus Chor, Altsolo und Bass-Solo bestand. Barbara Greiner überzeugte vor allem im „Offerorium" mit lupenreinem und stimmtechnisch hochkarätigem Gesang. Ihr „Domine Jesu Christe, rex gloriae" überzeugte das Publikum. Das charakteristische Leitmotiv kam aber vor allem im „Sanctus" wieder mit zum Tragen, mit „Pleni sunt coeli et terrae" (Himmel und Erde sind erfüllt), erklang es schlussendlich im Englischhorn und wurde anschließend im „Agnus Dei" als Einleitung mit einem vollen und zutiefst gläubigen Choreinsatz wieder aufgegriffen, um in einem ruhigen, intensiven b-moll-Schlussklang zu enden.
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Letztes Update: 2006-04-20