Konzert 18.11.1992
"Deutsche Requiem" von Brahms
faszinierend interpretiert:
Eine musikalische Sternstunde im
Kreuzbergmünster
Schwandorf. Die mittelalterliche Totenmesse Requiem, benannt nach dem einleitenden Ort des lateinischen Textes, behandelt vor allem die Schrecken des Jüngsten Gerichts. Wenn Der die Lebenden und die Toten entschieden wird, ob sie zum ewigen Leben berufen oder zur Hölle verdammt sind, erschüttert die gewaltige Wucht voller Orchestermusik des "Dies irae" im Requiern von Verdi oder Berlioz die Hörer und legt ihnen akustisch nahe, daß allen Menschen dieser Schreckenstag droht.
Bei Johannes Brahms steht dieses Weltengricht nicht im Mittelpunkt seines "Deutschen Requiems" op 45. Statt vom überlieferten Text auszugehen, wählt er Passagen aus dem Alten und Neuen Testament sowie den Apokryphen.
Güiither Jung unternahm nun am Buß- und Bettag im vollbesetzten Kreuzbergmünster mit Solisten aus München und Bayreuth, dem Münsterchor Kreuzberg, verstärkt durch den Amberger Oratorienchor sowie dem Orchester des Vogtland-Theaters Plauen den Versuch, die musikalischen Ideen von Brahms zu unserer und der anderen Welt zu gestalten.
Wie hervorragend dies gelang, wurde schon im ersten Teil deutlich. Der glänzend disponierte Chor sang ruhig und verhalten "Selig sind, die da Leid tragen", die tiefen Streicher (ohne Violinen) untermalten die Melodie. Dezent und weihevoll die Begründung: "Denn sie sollen getröstet werden.." Damit ist der Grundgedanke von Brahms umrissen: "Leid" erscheint nicht als fatale Folge von Mißerfolg wie bei puritanischer Prädestination, nicht als zu ertragende Vorstufe der womöglich größeren Katastrophe des Jüngsten Gerichts, sondern als notwendiger Bestandteil des irdischen Lebens, bevor der "Trost" durch Gott erfolgen kann.
Der zweite Satz bringt zunächst einen düsteren Trauerniarsch, den der Chor in düsterer Einstimmigkeit mit der hoffnungslosen Aussage "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras" überlagert. In einem kurzen, nur scheinbar aufhellenden Zwischenspiel wird angemahnt "So seid nun geduldig". Dann abermals der Trauermarsch, jetzt jede Hoffnung noch negierender, dann aber in gewaltiger atemberaubend knapper Steigerung von acht Takten der Stimmungsumschwung: "Aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit" - und deshalb der völlig neue Gedanke, siegessicher in Dur angestimmt und fundiert ausgearbeitet: "Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen". Beeindruckend, wie Chor und Orchester Trauermarsch, die rhythmisch äußerst komplizierte Steigerung und schließlich den Erlösungsgedanken gestalteten.
Auch der dritte Satz lebt von der Spannung zwischen diesseitiger TodesgeWißheit und jenseitiger Erlösungsmöglichkeit. Jeder einzelne Mensch ist betroffen, deshalb das Baritonsolo "Herr, lehre mich doch, daß ein Ende mit mir haben muß". Die Demut, die diese Aussage fordert, wurde von Günter Leykam, Bayreuth, mit entsprechender bittender Grundstimmung nachvollzogen, die Übernahme der Einzelbitte durch den Chor geschah in ausgewogener Anpassung an das durch den Text geforderte Timbre: Zunächst sich in das menschliche Schicksal dreinfügend, dann in immer größerer Bedrängnis die Frage stellend: "Wessen soll ich mich trösten?" Bewundernswert, wie der Chor den langanschwellenden Höhepunkt erreichte, die auf dem erreichten Niveau in einem schier endlos scheinenden Spannungsbogen gehaltene Fuge "Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand" über ostinaten Bässen, Posaunen und er Pauke bewältigte und damit auch hier die tröstliche Aussage, daß die Menschen sich auf Gott verlassen können, unterstreicht.
Wie das Weiterleben bei Gott aussehen könnte, zeigt der vierte Satz "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!" Keine Klage mehr verdüstert die Vorfreude auf himmlisches Wohlergehen. Jung arbeitete mit dem Chor diese liebliche Stimmung klar heraus.
Erst bei der zweiten Aufführung des Werkes in Leipzig erklang der fünfte Satz, der darstellt, wie eine verklärte Seele von ihrer Warte aus die Menschen tröstet. Deshalb ist dem Text des Sopransolos (der Seele) "ich will euch wiedersehen" - heil und kräftig gesungen von Margit Kinzel, München - der verhalten phrasierende Chor (die an Gott glaubenden Menschen) mit der Aussage "Ich will euch trösten" gegenübergestellt.
Daß die Harmonie zwischen himmlischem und irdischem Sein, die der fünfte Satz suggeriert, noch nicht gefestigt ist, zeigt der in den Dimensionen der Stimmung wesentlich umfangreichere sechste Satz. Geheimnisvolles Schreiten zu Beginn: "Denn wir haben hier keine bleibende Statt." Völlig richtig, daß Jung den Chor die Suche nach der "zukünftigen" Heimstatt in gemessenem Tempo angehen läßt (nur bei Karajan rennen Suchende). Auch musikalisch bleibt das Suchen unentschlossen, schwankt zwischen c-moll und C-Dur, also zwischen Düsternis und Hoffnung, Deshalb der ratgebende Bariton - Günter Leykam in hervorragender Gestaltung! - der den Suchenden den entscheidenden Hinweis gibt: "Wir werden aber alle verwandelt werden." Es folgt plötzlich und unerwartet die Darstellung des Jüngsten Gerichts, wobei Brahms ziemlich rasch von den Schrecknissen des Tages zu der überraschenden Fragestellung leitet: "Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?"
Während in der mittelalterlichen Sequenz der Weg vom "Dies irae" (Tag des Zorns) über "Mors stupebit" (der Tod wird erschüttern) zu der Bitte führt "Libera me, de morte aeterna" ("Errette mich vom ewigen Tod"), stellt Brahms Tod und Hölle in den Hintergrund und leitet gleich über zu der ihm viel wichtigeren Feststellung: "Herr, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft", weist also darauf hin, daß Vertrauen in Gott die Schrecknisse des Jüngsten Tages überwindet. Hier muß man das ganze Ensemble in seinem gestalterischen Engagement gleichermaßen loben: den Dirigenten Jung, weil er sowohl den tosenden Beginn als auch den Schrecken der Hölle wie schließlich die Gewißheit der Erlösung durch Gott musikalisch glaubhaft nachvollzog, den Solisten, der die Spannung auf das Geheimnis steigerte, die Posaunen, die heil aufschmetternd den Jüngsten Tag ankündigten, die Streicher, die virtuos die Aufregung des Tages untermalten, den Chor, der zuerst die Angst vor der Hölle den Zuhörern eindringlich einhämmerte und ihnen schließlich majestätisch feierlich die göttliche Heilsgewißheit vermittelte.
Der abschließende siebente Satz des Werkes bringt den feierlichen und tröstlichen Ausklang: "Selig sind die Toten ... denn ihre Werke folgen ihnen nach." Der verhaltene Gesang mündet schließlich in die Melodie des Anfangssatzes. Damit schließt sich der Kreis: Die Einheit des Lebens diesseits und jenseits des Todes ist durch Gott hergestellt.
Das Werk von Brahms in seiner ungeheueren kompositorischen Geschlossenheit und der genialen Übereinstimmung von Wort und Ton derart qualitativ hochrangig zur Aufführung zu bringen, ist ein Verdienst Günter Jungs und seines Ensembles, die Schwandorf eine musikalische Sternstunde bereiteten.
Reinhold Tietz
www.amberger-oratorienchor.de
- eMail: info@amberger-oratorienchor.de
Web-Design: mail@Josef-Bayer.de
| www.Josef-Bayer.de
Letztes Update: 2000-08-04