Amberger Zeitung 15.6. 1994
Nach 20 Jahren
Wiederholungsaufführung in St. Martin:
Amberg. "Ich glaube den Himmel offen und
den Schöpfer der Dinge selbst zu sehen" soll G. F. Händel 1741 während der Arbeit an seinem "Messias" ausgerufen haben. 1742 wurde das Werk in Dublin zum ersten Mal aufgeführt und hat bis heute seine Sonderstellung behalten. Durch regelmäßige Benefiz-Konzerte unter der Leitung des Komponisten half es Leid und Armut im Londoner Findlings-Hospital zu lindern.Heute könnte man es für eine gigantische Meditation über prophetische Texte aus dem Alten Testament halten. Zu einem "echten" Oratorium fehlen die Charaktere. Aber auch seine Ausstrahlung bleibt bis heute ungebrochen, wie es die Aufführung des "Arnberger Oratorienchors" am Sonntag nachmittag in St. Martin zeigte.
Die Akustik der Basilika begünstig die Wirkung. Der Chorraum ließ die einzelnen Gruppen zu einem Klangkörper verschmelzen und gab ihm auch noch das richtige Maß an Volumen mit. Für den perfekten Umgang mit dem Nachhall allerdings sollte das "innere" Metronom hin und wieder abgeschaltet werden. Die Schlußakkorde der großen Chöre "Denn die Herrlichkeit Gottes des Herrn" oder "Sein Joch sanft" wären nach den richtig dimensionierten Pausen noch monumentaler dagestanden. Doch Günther Jung wagte keine Experimente. setzte auf Sicherheit.
Ihm stets zuverlässig zur Seite saß Josef Dotzler am Cembalo als pünktliche Stütze für das Orchester. Ein bißchen mehr suggestive Bestimmtheit hätte auch noch das "Collegium Noricm" zu exakteren Einsätzen zwingen können. Die barocke Üppigkeit forderte ihre Opfer.
Eine Aufführungsdauer von zweieinhalb Stunden (gekürzte Fassung!) zehrt an der Kondition, was im zweiten Teil, der das Passionsdrama zum Inhalt hat, spürbar wurde.
Massive Celli und Bässe lieferten einen kontrastarmen Untergrund, auf dem sich nur zögerlich so etwas wie Erlösungsfreude entwickelte. Auch das Tempo hätte man zur Vitalisierung an vielen Stellen noch erheblich anziehen können. Ein großer Spannungsbogen hin zum immer wirksamen, vom Chor großartig dynamisierten "Haleluja" wäre möglich gewesen.
Als ausgesprochener Glücksgriff erwies sich die Wahl des Solistenquartetts. Der Tenor Andreas Schulist wirkte mit seinen sensitiven Crescendi gleich zu Beginn mit "Tröste dich", wohltuend beruhigend. Mit Volumen, aber durchaus locker erklang das Baß-Rezitativ "So spricht der Herr". Thomas Ogilvie brauchte sich im markanten "Sie schallt, die Posaun" kein Lautstärke-Duell mit der Trompete liefern. (Muß "trumpet" an dieser Stelle paradoxerweise mit "Posaune " übersetzt werden?").
Ein Extra Lob für den konzentrierten und einfühligen Bläser! Henriette Meyer-Ravenstein gestaltete mit ihrer tragenden Altstimme die ausdrucksvollen Tiefen der Arie "0 du, die Wonne verkündet in Zion". Die Sopranistin Friederike Wagner blühte in klarer Höhe auf. Nachvollziehbare Bögen kennzeichneten die Arie "Ich weiß, daß mein Erlöser lebet".
Zu genußvollen Höhepunkten gerieten zwei Duette: In "Er weidet seine Herde" waren die beiden Frauenstimmen mit ihrem barocken
Zierwerk an Innigkeit nicht zu überbieten; und die aparte Kombination Alt-Tenor "0 Tod, wo ist dein Stachel" begeisterte durch genützten Entfaltungsraum.Der "Amberger Oratorienchor" sorgte für die stabilen Eckpfeiler des Werkes. Bestens vorbereitet in Artikulation, Stimmbildung und Linienführung bewältigte er das strahlende "0 du, die Wonne verkündet in Jerusalern" wie das Largo "Seht an das Gotteslamm". Die Akzente in "Denn es ist uns ein Kind geboren" schienen ebenso selbstverständlich wie die Darstellung der Mystik des Todes durch ausdifferenzierte Dynamik und der plötzliche Schwung der nachfolgenden Auferstehung.
Der anhaltende Beifall einer zahlreichen Zuhörerschaft bewies: Dem "Amberger Oratorienchor" gelang unter gleicher Leitung eine erfolgreiche Reprise seiner Aufführung vom 17. März 1974.
Hannelore Zapf-Wolf
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Letztes Update: 2000-08-04