Amberger Zeitung 14./15.6.1997

Oratorienchor bewies Mut zum musikalischen Risiko
Haydns "Jahreszeiten" im ACC: Konzertabend mit gewinnbringendem Gesamteindruck

SIEGFRIED KRATZER 

Amberg. Was ist das für eine Welt und eine Zeit, in der der Landmann noch fröhlich dem Pflug nachschreitet und dabei das 'Hauptthema aus Haydns Paukenschlag-Symphonie pfeift? Wo die Bauern nach der Aussaat den Segen des Himmels herabflehen und nicht schon als Pseudo-Bio-Spezialisten über europäische Marktprobleme nachdenken? Wo die holden Tugenden hoch im Kurs stehen, die Mägdelein noch keusch und züchtig den Busen verhüllen ("außen blank und innen rein") und wo zur Weinlese auch einmal ordentlich über den Durst getrunken wird? 

Bei der Aufführung von Haydns "Jahreszeiten" des Amberger Oratorienchores im ACC gestattete Thomas Appel nicht diesen Ausflug in die Nostalgie durch Idealisierung der Vergangenheit, obwohl er auch keine kompositionskritische Aufführung inszenierte. Da wurde das Sommergewitter - nahezu zeitgleich mit dem draußen tobenden Unwetter - nicht zum vordergründigen Bühnenspektakel, sondern zur existenzbedrohenden Unheilsverkündung - schließlich doch mit gutem Ausgang; das in praller Lebenslust gefeierte Erntefest artete nicht in ein überschäumendes Sauf-Gelage aus, wenngleich manche Tenorstimmen im Chor gute Voraussetzungen dafür geliefert hätten; und der Winter wurde nicht nur als kalte Jahreszeit beschrieben, in der die Natur erstirbt, sondern ergab Anlaß zum musikalischen Nachdenken über die Endlichkeit menschlicher Existenz.

Mit den drei Solisten hatte der Dirigent, im wahrsten Sinne des Wortes einen guten Griff und eine gute Wahl, denn neben Jutta Maria Fries (Sopran) und Carl-Heinz Müller (Baß), beide aus Hannover, sprang für den nur wenige Stunden vor der Aufführung absagenden Alwin Niklas aus Edelsfeld Axel Mendrok (Tenor) aus Bonn ein und fügte sich vorzüglich in das Team ein. Der oratorienerfahrene Carl-Heinz Müller schlug den Bogen vom fröhlich-unbeschwerten Landmann, dem die Freude nur so aus der Kehle strömte zum sonor mahnenden Verkünder ernster Zeiten. Neben seiner Deklamation entzückte auch der ständige Blickkontakt zum Zuhörer, und beim fröhlichen Landmann hielt er sein Notenblatt wie einen Pflug vor sich hin.

Jutta Fries ließ mit souveräner Stimme und zunehmender Inbrunst locker und leicht die Sommersonne zum Zenit heraufziehen und lotete als Hanne im hinreißenden und glockenreinen Herbstduett mit dem augenzwinkernden Axel Mendrok als Lukas die Tiefen irdisch-idealer Liebe aus. Der selber setzte neben der kontemplativen Winter-Arie ("Hier steht der Wand'rer nun verwirrt und zweifelhaft") viele weitere Glanzpunkte. Bei so viel Solisten-Engagement und Mut zum musikalischen Risiko bestand zu keiner Zeit die Gefahr der Erstarrung in Oratoriums-Routine.

Die Sinfonietta Amberg mit ihrem Konzertmeister Leonhard Grünwald agierte auch bei der trockenen Akustik im ACC geschlossen und mit dem ihr eigenen Drang zur Gestaltung. Das Würzburger Bläserensemble bestach durch ,Noblesse. Und der Chor? Von wegen "Aus vollem Halse schrein", das geht ja gar nicht mehr, wenn man Kultur-Preisträger ist und einen Dirigenten hat, der von musikalischem Tatendrang und intelligenter Werksreflexion durchdrungen ist, der nicht auf Perfektion setzt, der aber das Optimum aus den Gegebenheiten macht.

Da mag gelegentlich das musikalische Gesamtbild nicht immer so geschlossen gewesen sein, auch kleine Zitterpartien blieben nicht aus. Manchmal hätte man sich mehr Plastizität und energische Dynamik gewünscht, z. B. bei der Spurensuche des Jagdhundes. Das trübte aber in keiner Weise den gewinnbringenden Gesamteinruck dieses Abends: Haydns unvergleichlich ausdrucksvolle Positivität kam durch diese Interpretation beim Zuhörer an.

Nach den eigenen Worten des Komponisten singen in den "Jahreszeiten" nur Landleute und in der "Schöpfung" ausschließlich Engel. Sänger sucht der Amberger Oratorienchor (wenn man die letzte Seite des Programmheftes richtig deutet, wohl keine Sängerinnen!) - Männerstimmen hat er bei aller guten Stimmbildung dringend nötig. Irgendwann wird ja mal die "Schöpfung" aufführt und dann werden "englische" Männerstimmen gebraucht werden.


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Letztes Update: 2000-08-03