Nordbayerischer Kurier 13.04.2004

Gelungene Gratwanderung
Eine Pionierleistung der Internationalen jungen Orchesterakademie BAYREUTH
Von Gordian Beck


Foto: Stevens

Die Erkenntnis, dass eine Tonkonserve, mag sie auch noch so edel gearbeitet sein, niemals ein Konzert ersetzen kann, ist ein alter Hut. Bewusst vor Augen geführt wird einem das allerdings nicht allzu oft. Schließlich ist man, zugegeben, verwöhnt. Und so bedarf es außergewöhnlicher Konzertabende, um sich der Einmaligkeit eines solchen Erlebnisses auch wirklich gewahr zu werden.
Wobei die Aufführung von Gustav Mahlers zweiter Symphonie, der so genannten "Auferstehungssymphonie" beim zehnten Bayreuther Osterfestival im Markgräflichen Opernhaus aus mehreren Gründen im Gedächtnis bleiben wird. In der ehrwürdigen Geschichte dieses Hauses dürften sich wohl nur selten mehr Menschen auf der Bühne befunden haben, als an diesem Samstagabend: 135 Orchestermusiker nebst einem eben so viel Stimmen zählenden Chor besetzten den Orchestergraben sowie den nicht gerade kleinen Bühnenraum des Opernhauses. Mahlers Auferstehungssymphonie, vor fast 110 Jahren uraufgeführt, war zum ersten Mal in Bayreuth zu hören. Damit war ein Konzerterlebnis verbunden, das die Erwartungen bei weitem übertraf. Denn dieses Mammutwerk mit einer Aufführungsdauer von nahezu zwei Stunden konzentriert und vor allem über dem rein technischen Anspruch stehend zu stemmen, erfordert nicht nur Klasse, sondern auch eine gehörige Portion Erfahrung. Und mit der, so sollte man zumindest meinen, kann ein Ensemble, wie es die Internationale junge Orchesterakademie darstellt, natürlich noch nicht aufwarten. Sind doch die Orchestermitglieder zwar vom Status her allesamt angehende Profis, aber eben auch noch Lernende.
Dass diese Gratwanderung, denn davon muss man angesichts des Anspruchs des Werks sprechen, so beeindruckend, so überwältigend gelang, ist zunächst zum einen ganz sicher der Verdienst des Dirigenten Miguel Gomez-Martinez. Seine konzentrierte Gelassenheit, seine Souveränität im Umgang mit dem Notenmaterial übertrug sich erstaunlich schnell auf das doch zumindest anfänglich leicht nervöse Orchester. Wobei Gomez-Martinez sicherlich auch zugute kam, dass die Solisten im Orchester bemerkenswerte Qualität bewiesen.
Die Sicherheit, mit der beispielsweise der erste Trompeter - seiner Stimme kommt in diesem Werk außergewöhnliche Bedeutung zu - zu Werke ging, war einfach nur verblüffend. Auf diesem Fundament aufbauend, bahnte sich der spürbare Enthusiasmus der jungen Musiker schnell seinen Weg. Und der riss mit, wobei die immense Energie dieses imposanten Klangapparats bezeichnenderweise gerade bei den zahlreichen Pianissimopassagen voll zum Tragen kam. Was wiederum Rückschlüsse auf die intensive Arbeit von Gomez-Martinez zulässt, der seinem klangewaltigen wie ungemein diszipliniert präzise spielenden Ensemble hörbar bewusst gemacht hat, dass die Wirkung eines Fortissimos immer auf einer zuvor aufzubauenden Spannung und damit eines Spannungsbogens beruht.
Die einfache Denkart, dass die Existenz eines Taktes mit der des Vorangegangenen begründet wird, vermittelte denn auch dem Zuhörer nahezu beiläufig die zwingende Logik dieses Werkes. So wurde beispielsweise klar, warum Mahler in den letzten Satz seiner Symphonie einen Chor eingebaut hat. Hat doch diese Symphonie nicht nur musikalischen, sondern eben auch einen religiös-programmatischen Spannungsbogen aufzuweisen. Und der wird nach der fröhlich geschwätzigen Einlassung des dritten Satzes zunächst über ein Lied und in dessen Steigerung mit einem Chorsatz aufgebaut.
Die Energie, die sich dann im fünften Satz im Schlussjubel des Chors und des Orchesters entlädt, wird so über eine Zeitdauer von rund 30 Minuten konzentriert aufgetürmt. Diese Spannung zu halten ist schwer und war dabei auch der beachtlichen Präzision des Chores geschuldet, der es verstand, sein gewaltiges Potenzial auch im Pianissimo zu transportieren. Da sich auch die beiden Gesangssolisten Sabine Lahm (Sopran) und Lucy Taylor (Alt) ganz als Rädchen in einem großen Getriebe begriffen, stand somit der klanggewaltigen Apotheose am Schluss nichts im Wege.
Dass sich die Spannung im voll besetzten Opernhaus in teilweise stehenden Ovationen Bahn brach, verwundert angesichts der Klasse dieses Klangerlebnisses nicht. Dieses Konzert war zweifelsohne ein Ereignis, das man im Kopf behalten wird.
Selten sind auf der Bühne des Markgräflichen Opernhauses so viele Mitwirkende untergekommen wie bei der Bayreuther Premiere von Gustav Malers "Auferstehungssymphonie" mit der Internationalen jungen Orchesterakademie.


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Letztes Update: 2004-04-14