Amberger Zeitung 12.11.1992:
Das "Deutsche Requiem" in der
Dreifaltigkeitskirche
Herausforderung für alle Interpreten
Amberg. Das "Deutsche Requiem" von Brahms reiht sich in die protestantische Tradition der Kirchenmusik ein. Trotz der Textauswahl aus der Lutherischen Übersetzung des Alten und Neuen Testaments gilt es nicht als kirchlich-liturgisches Werk. In seiner Erhabenheit duldet es keine andere Musik neben sich, und so war auch Günther Jung gut beraten, wenn er dieser Komposition nicht - wie im 19. Jahrhundert zwangsläufig vollzogen - eine noch besondere liturgische Zugabe beigesellte.
Trotz seines Ruhmes findet das "Requiem" auch bei ausgesprochenen Brahmsanhängern nicht ungeteilten Beifall. Da beklagen manche neben allzu Pompösem die "nazarenerhafte Süße", die "tränenschwere Verhärmtheit" und die gefühlvolle Weichlichkeit, die diesem Werk ein eigenes Gepräge verleihen. Eine Herausforderung für alle Interpreten, das Requiem besonders vorsichtig anzugehen.
Der Amberger Oratorienchor, verstärkt durch den Münsterchor Kreuzberg-Schwandorf, präsentierte sich in einer lobenswerten Form: harmonisch-edel, glanzpoliert, stimmungsvoll, die schönen Stellen besonders hervorhebend, von den Korrepetitoren Josef Dotzler und Erich Hiltl eben ganz auf Brahms eingerichtet. Sehr gut gelang der Eingangs-a-capella-Chor in seiner zweiteiligen Thematik. Problemlos wurden auch die teilweise recht heiklen Tempiwechsel bewältigt, so z.B. vom gewaltigen Unisono des "Hölle, wo ist dein Sieg?" zur schnellen Fuge "Herr, du bist würdig". Auch den von Jung bewußt gesetzten Kontrast im zweiten Satz von der dumpfen Vergänglichkeitsklage zur rasant genommenen, wiegenden Chor-Arie vollzogen die Sänger ohne Mühe.
Mit viel Tremolo brachte Günter Leykam sein Solo im dritten Satz, lief dann zu einer erfreulichen Form bei "Siehe, ich sage euch ein Geheimnis" auf, wobei man bei diesem Zentralsatz immer noch auf stärkere Suggestivkraft hoffte. Margit Kinzel gestaltete ihr Sopransolo "Ihr habt nun Traurigkeit" mit gestochenen und kräftigen Farben ohne sich in allzu tiefschürfender Innigkeit zu verlieren, was bei ihrer gerade auch in den unteren Lagen leuchtenden Stimme gut möglich gewesen wäre.
Günther Jung setzte in seiner Interpretation auf relativ starke Tempokontraste und Wucht. So blieb z.B. der dritte Satz undifferenziert, ohne plastische Modellierung und notwendige meditative Inspiration. Die tatsächlichen Fortissimo-Stellen (z.B. im 6. Satz "Der Tod ist verschlungen in den Sieg") konnten so trotz der gellenden Farben und hier prägnanten Konturen nicht in ihrer erhabenen Monumentalität leuchten. Da lief auch einiges im Zusammenwirken mit dem Orchester aus dem Ruder, wie z.B. beim Crescendo "Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an". Der vierte Satz entbehrte einer kontemplativen Verklärung. Aber wie sollte das auch geschehen?
Die Hofer Blechbläser lärmten bis fünf Minuten vor Konzertbeginn nach Lust und Laune in der Dreifaltigkeitskirche herum, daß einem die Ohren klangen, und im Altarraum war ein stetes Kommen und Gehen. Als dann Chor, Instrumentalisten, Solisten und Dirigent im Sakralraum endlich aufzogen, herrschte bei den Symphonikern ein lockeres Scherzen, zu einem Zeitpunkt, wo man sonst mit berstender Spannung auf das Kontrabaß-f des Anfangs mit dem pochenden Viertel-Staccato wartet. Fürwahr keine Einstimmung in ein so ergreifendes Werk in einem Sakralraum. Dennoch: Die zahlreichen Zuhörer quittierten den Abend mit langem und herzlichem Beifall.
Siegfried Kratzer
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Letztes Update: 2000-08-04