Amberger Nachrichten 8.4.1999
Überzeugend und sehr
klangschön musiziert
Verdis "Messa da Requiem" im ACC
Oratorienchor, Sinfonieorchester, Solisten / Leitung Thomas Appel
=> Hörproben
VON STEPHAN BEIERL
AMBERG. "... Ohne Zweifel die musikalisch reichste, formal vollkommenste Totenmesse, die die klassisch-romantische Epoche hervorgebracht hat". so ist in Reclams Chormusikführer Giuseppe Verdis "Messa da Requiem" charakterisiert. Das 1874 uraufgeführte Werk zählt denn auch neben den Vertonungen von Berlioz und Mozart zu den bedeutendsten seines Genres.
Von dem angesprochenen "musikalischen Reichtum" konnte sich am Karfreitag erstmals das Amberger Konzertpublikum im Amberger Congress Centrum überzeugen, denn Thomas Appel hatte sich mit seinem "Amberger Oratorienchor" und dem "Amberger Sinfonieorchester" mit der Aufführung von Verdis monumentalem Spätwerk ein sehr hohes Ziel gesetzt. Und was die Zuhörer dann schließlich geboten bekamen, war aller Ehren wert.
Schon im "Requiem", dem ersten Satz des siebenteiligen Werks, konnte man das harmonische Zusammenwirken von Soli, Chor und Orchester erkennen. Besonders beeindruckend geriet das von gewaltigen Klangballungen bestimmte "Dies irae", in dem Verdi die Schrecken des Jüngsten Gerichts fast opernhaft malt.
Eine interessante Raumwirkung erzeugten die auf der Galerie platzierten Ferntrompeten im "Tuba mirum". Überhaupt läßt sich Verdis Vorliebe zur italienischen Oper auch in diesem kirchenmusikalischen Stück nicht leugnen: Lyrische Kantilenen (hervorragend: das "Ingemisco" des Tenors), ausgefeilte Ensembles und Chorformen und der farbige, oft lautmalerische Orchestersatz kennzeichnen dieses außergewöhnliche Werk.
Außergewöhnlich war auch das hervorragend harmonierende Solistenquartett, mit dem man wahrlich einen Glücksgriff getan hatte. Ein wahrer "Ohrenschmaus" war der glockenhelle Sopran von Ingeborg Herzog (Hamburg). Ihre in piano weich angesetzten und dann crescendierenden Spitzentöne ließen einem schier das Atmen vergessen. Höchstschwierigkeiten wurden mit einer an Perfektion grenzenden Leichtigkeit gemeistert.
Auch die Mezzosopranistin Betty Klein (Hamburg) konnte mit ihrer flexiblen, etwas dunkleren Stimmgebung mit dramatischen Akzenten vor allem im "Uber scriptus" überzeugen. Der kurzfristig eingesprungene Kölner Terror Hugo Mallet verstand es hervorragend, die typisch italienischen Gehalte des Werks darzustellen. Fast mühelos gerieten ihm auch die höchsten Töne. Besonders ergreifend und wunderschön lyrisch erschien dabei das "Ingemisco". Der anspruchsvollen Baßpartie (vom Tonumfang her eher eine Baritonpartie) zeigte sich Thomas Ogilvie (München) bestens gewachsen. Im "Confutatis maledictis" konnte er auch seine dramatischen Fähigkeiten unter Beweis stellen.
Zum hohen Niveau des Konzerts trug aber wieder einmal der "Amberger Oratorienchor" seinen nicht zu unterschätzenden Teil bei. Sehr durchsichtig gestaltet wurde die äußerst diffizile "Libera me"-Fuge, überzeugend und klangschön musiziert auch das doppelchörige "Sanctus". Besonderes Lob gebührt dem Chor für die intonatorisch sehr sauberen a capella-Teile des Stücks, wobei hier das ergreifende Zusammenspiel mit dem Solo-Sopran im "Libera me" besonders hervorzuheben ist. Fast perfekt waren auch die Absprachen der Silben, als etwas inkonsequent erwies sich allerdings die halbherzige Einstudierung der italienischen Aussprache des Textes. Im Gegensatz zum äußerst präsenten und nie schrillen Sopran fiel leider die Tenorgruppe von der Lautstärke her etwas ab, wie überhaupt das riesige Orchester an manchen Stellen /v.a. im "Tuba mirum") den Chor fast erdrückte, was wohl auch daran liegen mag, daß das ACC für solche Klangmassen nicht unbedingt optimal ist.
Das relativ junge "Amberger Sinfonieorchester" kam mit dem Werk insgesamt sehr gut zurecht, vor allem die Violinen und Holzbläser mit einigen kleinen Soli konnten beeindrucken. Sehr flexibel reagierte man auf das sorgfältige Dirigat. Die Schrecken des jüngsten Gerichts wurden unter Aufbietung aller Kräfte im "Dies irae" vor Augen geführt. Dennoch waren einige Intonationsschwierigkeiten (Celli im "Offertorio") und Abstimmungsprobleme nicht zu überhören, einige Tempowechsel gingen etwas aus den Fugen. Auch die viel geforderten Trompeten konnten dem hohen Anspruch des Werks nicht immer gerecht werden (Signale im "Tuba mirum").
Bewundernswert war einmal mehr die Leistung von Thomas Appel. Wie er die Solisten, das riesig besetzte Orchester und den von ihm gut einstudierten 80-köpfigen Chor unter einen Hut brachte, ist schon erstaunlich. Schon im ersten eher etwas ruhigen Satz ließen sich seine gestalterischen Fähigkeiten erahnen, wobei er insgesamt eher etwas langsamere Tempi bevorzugte.
Sehr deutlich gestaltete er auch schwierige Passagen wie die "Libera me"-Fuge, wunderschön fließend die ariosen Partien des Werks. Einzig beim "Dies irae" fehlte in meinen Augen etwas der letzte "Pfiff", was wohl auch am etwas zu lauten Orchester lag.
Am Ende dieses erneut überdurchschnittlichen Konzerts würdigten die Zuhörer im randvoll besetzten ACC die Leistung aller Beteiligten mit minutenlangem Beifall.
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Letztes Update: 2002-02-11