Amberger Volksblatt 7. Mai 1993

Der Frühling wurde in den Saal gezaubert
Instrumental-Duo Riessbeck/Jäckle begeisterte
Oratorienchor mit einer beeindruckenden Leistung

Selten erlebt man in Amberg, daß man zwei Konzerte an einem Abend hat. Während in der Paulanerkirche ein Trompetenkonzert zu hören war (siehe gesonderte Rezension), konnte man im Kongregationssaal ein Chor- und Instrumentalkonzert mit dem Amberger Oratorienchor erleben. Die Zuhörer verteilten sich gleichmäßig auf beide Konzerte. Im Kongregationssaal brachte es das Duo Elisabeth Riessbeck (Querflöte) und Klaus Jäckle (Gitarre) fertig, den Frühling in den Saal zu zaubern und das Publikum zu begeistern. Nicht minder auch der Amberger Oratorienchor unter der Leitung von Günther Jung, der mit diesem Konzert die "Generalprobe" zum "Sängertag des fränkischen Sängerbundes" im Oktober absolvierte.

Ein Glanzstück dieses Abends war -weifellos das Instrumental-Duo Riessbeck/Jäckle. Die Freunde klassischer Gitarrenmusik mit Querflöte kamen hier voll auf ihre Kosten. Das Duo servierte, ausgefallene und exzellent vorgetragene Instrumentalmusik (Wann hört man schon einmal eine brillante Tonleiter auf einer Gitarre?). In verschiedenen Transkriptionen der Marke Eigenbau aus Klavierwerken Mozarts und Faurés (KV 545 und "Dolly" op. 56) sowie Kompositionen von Altertum und Moderne zeigte man ungewöhnliche technische und hochmusikalische Fähigkeiten. Es war, als fingen die Blumen zu blühen an, als erlebte man die Pracht des Frühlings in vollen Zügen. Das "Beifallsverbot" wurde spontan über den Haufen geworfen. Bei diesen so weichen und gefühlvollen wie auch sehr temperamentvollen Klängen konnte man einfach nicht stumm dasitzen.

Zu Beginn sang der Oratorienchor "Die Bäume grünen überall, die Blumen blühen wieder, und wieder singt die Nachtigall, nun ihre alten Lieder". Mit diesen und anderen Texten Ludwig Uhlands, die von Felix Mendelssohn-Bartholdy vertont wurden, läutete der Oratorienchor den Amberger Kultursommer ein. Der Chor war in diesen ersten vier Stücken vor eine relativ schwierige Aufgabe gestellt. Doch man wurde mit den häufig modulierenden, romantischen Stücken leicht fertig und zeigte sich den hübschen Kompositionen gewachsen, in denen man sehr, intonationssicher. agierte. Die Texte waren deutlich zu verstehen (auch Abweichungen!)

Bei dem Nürnberger Komponisten Karl Thieme (ebenso Hollfelder und Hartl) mag der eine oder andere durchaus den Gedanken gehegt haben, diese Werke in die Gärten Poseidons zu versenken. Sie sind nicht nur schwer zu singen, sondern auch schwer zu hören. In den vier Kompositionen Thiemes - nach Texten von Wilhelm Busch - fiel das Stück "Der Esel" auf, wo zwei Lausbuben den Besagten ärgern wollten. Irgendwie kam es dann auch, daß im Verlauf des Stückes "der Esel stumm verhielt und die Seite zeigte, wo der Wedel sitzt". Dieser Liedtext fiel auch sehr wörtlich aus.

Auch das Wort "Gemiischter Chor" wurde, dieses Mal vom Dirigenten, sehr wörtlich genommen. Die Herren des Chores wurden von den Chordamen im wahrsten Sinne des Wortes in die Zange genommen (Tenor und Baß in der Mitte, Sopran und Alt flankierten). Erstaunlicherweise tat dies den Herren in sängerischer Hinsicht ganz gut, während die Damen, die nun "überraschend am Hebel saßen", ihre Chance nur mit einer gewissen Unsicherheit wahrnahrnen. Das alte, über Jahrhunderte bewährte System, daß die Männer hinter den Frauen stehen wirft Günther Jung kurzerhand über Bord Trotzdem war es ein heiterer und interessanter Abend, der nicht zuletzt durch das Instrumental-Duo seine besondere Würze erhielt. Der Chor braucht sich vor dem fränkischen Sängertag in Oktober mit dieser beeindruckenden Leistung nicht zu fürchten. Dank der umsichtigen Leitung Jungs kann man erhobenen Hauptes nach Kulmbach fahren.


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