Amberger Zeitung 5.12.1996

Appel brachte das "Te Deum" zum Leuchten
Amberger Oratorienchor und die Sinfonietta Amberg brillierten in St. Georg

Amberg. Viele Erwartungen knüpften sich an das Konzert des Amberger Oratoriechores. Zum einen lockte das "Te Deum", ein Werk von imposanter Monumentalität, Bruckners "modernstes" und wohl reifstes Werk. Weiter war Félix Alexander Guilmants (1837-1911) Orgelsymphonie angekündigt, ein trotz romantischen Pomps leicht verständliches, überschaubares und mitreißendes Werk, das viel zu selten zur Aufführung gelangt. Zum anderen bleibt es nach wie vor ein Erlebnis, die "Sinfonietta Amberg" zu hören; ein Klangkörper der unter der vorzüglichen Regie von Leonhard Grünwald vor musikalischer Intelligenz und Perfektion nur so strotzt. Dieses Mal wurde das Orchester mit dem Bläserensemble Würzburg fein ergänzt.

Natürlich weckte auch Thomas Appel, der Getadelte, der vielleicht etwas zu unrecht gescholtene Orgelkritiker, als Dirigent die Neugierde. Mit welchem Interpretationsverständnis würde er Bruckners "Te Deum" angehen? Zuletzt aber richtete sich das Interesse gerade auch auf die tapferen idealistischen Sängerinnen und Sänger des Arnberger Oratorienchores, der nach heftigsten Turbulenzen und Tiefpunkten in der Vergangenheit um ein musikalisches und programmatisches Profil ringt; dieses Mal mit Unterstützung der Chorgemeinschaft St. Georg.

Norbert Düchtel war der Solist von Félix Alexandre Guflmants d-moll Orgelsymphonie. Bei dieser Aufführung darf die verklärte, innig meditativ gestaltete und feinsinnig registrierte Pastorale sowie das locker perlende Finale des akkuraten Organisten gerühmt werden. Beeindruckend waren auch die von Pauken, Blechbläsern und Becken umrahmten triumphalen Schlußtakte mit den permanent motorischen Sechszehntel-Figuren im Solo-Instrument - ein etwas später Befreiungsschlag des Organisten, den man sich schon im Sonatenhauptsatz gewünscht hätte. Blieb doch unverständlich, warum dort das 25taktige Pedal-Solo-Thema in der Exposition gar so schwerfällig und gespreizt angegangen wurde; eine Entscheidung - die der Symphonie den Kick einer feurig-ausgelassenen aber freischwingenden Unbändigkeit nahm und sie trotz einer hervorragenden Registrierung zumindest im ersten Satz auf einen mehr bieder gewirkten Platz verwies.

Die sechsteilige Choralkantate "Vom Himmel hoch" von Felix Mendelssohn-Bartholdy (18091847) wurde von Thomas Appel als ausgesprochen leichtes und undramatisches Werk vorgestellt. Breite Choräle, in denen sich der Chor auf der Basis einer vorbildlichen Stimmbildung präsentierte, wechselten sich ab mit den wohlgefälligen Solo-Arien von Thomas Ogilvie (Baß) und Jutta Fries (Sopran). Trotz der relativ kleinen Gesten des Dirigenten zeigte sich, daß er an entscheidenden Stellen seiner Musiker und Sänger schnell wieder im Griff hatte.

In Anton Bruckners "Te Deum" erlebt man etwas von der symphonisch archaischen Wucht dieses Meisters, der zugleich aber auch die zarten seelischen Regungen zu aktivieren vermag. Thomas Appel gelang es, dieses Werk beschwingt und in einer mitreißenden Klarheit zum Leuchten zu bringen. Bereits im kompromißlosen Angehen der ersten Takte dieser grandiosen Komposition signalisierte er, daß es keine Zitterpartien bei den Instrumentalisten, Solisten und beim Chor geben würde. Das hieß: freie Hand für die Gestaltungskraft des Dirigenten. Das Ergebnis: eine aufwühlende Interpretation, die sich nicht nur hören lassen konnte, sondern die schlichtweg begeisterte.

Bei Bruckner-Interpretationen ist es die Kunst des Dirigenten, nicht einen monumentalen Einheitsbrei zu servieren. Appel hat diese Aufgabe beim "Te Deum" meisterhaft bewältigt. Da fungierte das energiegeladene Anfangs-Motiv der Streicher, Symbol der Majestät Gottes, als mächtig durchgängiger Unterton. Die jubelnden Uni-sono-Melodien, die homophonen und in der Schlußfuge polyphonen Stimmen waren stets durchschaubar gehalten und konnten auch nicht von den gewaltigen Eruptionen der Streicher und Bläser überdeckt werden. Dissonanzen wurden nicht übermäßig ausgewalzt; brucknersche Spannung kam dennoch zur Geltung.

Dem Solistenquartett gelangen verklärt schwebende Einlässe, wie z. B. im ersten Satz und im "Te ergo" mit dem zart aufsteigenden Motiv der Sologeige. Beeindruckend das Tenor-Solo des Edmund Steinberger im "Te ergo", überzeugend die satte Abrundung des Thomas Ogilvie, unauffällig gemäß ihrem Part, aber sehr angenehm, Maria Bodensteiner mit ihrer weichen Altstimme, klar und gut schattiert Jutta Fries im Sopran. Da brillierten die Würzburger Bläser in transzendentaler Majestät und der Chor rang sich nach berstender Spannung schließlich in der gewaltigen Schlußfuge zum strahlenden C-Dur durch, wobei die Stimmen des 1. Soprans souverän das hohe C nahmen.

Von Gustav Mahler wird berichtet, daß er von Bruckners "Te Deum" tief beeindruckt war. In seiner persönlichen Partitur soll er den Untertitel "... für Chor, Solostimmen, Orchester und Orgel ad libitum" ersetzt haben durch die Worte "... für Engelszungen, Gottsucher, gequälte Herzen und im Feuer gereinigte Seelen". Ein Wort, das für die Hörer und Aktivisten des Abends in gleichem Maße gelten mag.

Mit dieser Aufführung ist dem Amberger Oratorienchor ein weiterer, wohl entscheidender Schritt zu einem neuen musikalischen und programmatischen Profil gelungen. Die zahlreichen Zuhörer lohnten die Leistungen mit wiederholten Beifällen. 

Siegfried Kratzer


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Letztes Update: 2000-08-04