Amberger Zeitung 5.4.1992:
Sonntägliche Chormatinée
als ein erlesener Brunch
"Frühschoppen" des Amberger
Oratorienchors und des Weidener Kammerchors
Weiden. Chormusik als zweites Frühstück - nicht derber Frühschoppen, eher erlesener Brunch. So präsentierte sich der Fränkische Sängerbund bei seiner Chormatinée anläßlich des diesjährigen Sängertages. Eingeladen hatte man dazu zwei der angesehensten Chöre der Oberpfalz: den Amberger Oratorienchor mit seinem Leiter Günther Jung und den Weidener Kammerchor unter Peter Pollinger. Musikalisch funktionierte die Zusammenarbeit der beiden Städte ausgesprochen gut. Und auch bei diesem Konzert teilten sich beide Chöre Trennendes und Gemeinsames.
Gleichartig die Programmgestaltung: vier Volkslieder als Aperitif, dann Brahms und Rossini zum Hauptgang. Doch schon zu Beginn trennen sich die Wege wieder. Der Amberger Oratorienchor entscheidet sich für eher traditionelles Volksgut von Kurt Hessenberg im Satz von Waldram Hollfelder. Spritzig und recht fröhlich der "Kuckuck am Zaune" und die "Lust zum Ausreiten", in den ruhigen Sätzen der Kampf Günther Jungs gegen ein häufig sich verselbständigendes Kirchenchorpiano.
Vielleicht lag es auch daran, daß der Chor zu Beginn gegen ein recht unruhiges und klatschfreudiges Publikum ansingen mußte. Sechs Zigeunerlieder von Johannes Brahms, eher deutsch als ungarisch-freurig gewürzt, bringen dann andere Qualitäten des Chors zum Vorschein. Das ist zunächst gelungene Artikulation, die bei allen Chorsätzen mit Klavierbegleitung wichtig ist, der, obwohl zahlenmäßig stark, sehr ausgewogene, nie dominante Sopran und auch der mutige Tenor, der erst bei den kecken Mädchen von Kecskemet etwas vorsichtiger wird.
Peter Pollinger hat mit dem Weidener Kammerchor ein bemerkenswertes Ensemble geformt. Ausgewogener, nie zu lauter Klang, vor allem bei Hugo Distlers Liedern bestechende Schlußakkorde und Zutrauen zur Ausgestaltung und dynamischer Rücksichtsnahme sind Kennzeichen dieses erfrischend jugenlichen Chores. Distlers "Ein Stündlein wohl vor Tag" gelingt zum Eindrucksvollsten des Vormittags, ein Paradestück des Ensembles. Wohl angesichts des gewaltigen Gebäudes, in dem man sich befindet, nähert man sich Max Reger etwas vorsichtig, um aber dann viel hintergründige "Liebesqual" zu bieten.
Drei Lieder von Gioacchino Rossini, Ausdruck ungehemmter Sanges- und Lebensfreude, bilden den Abschluß des Konzerts. Und wie beim Amberger Brahms läßt sich auch hier die Herkunft der Sänger nicht ganz leugnen. Das klingt alles sehr korrekt, sehr schön, aber Oberpfälzer sind nun mal keine Italiener. Vor allem die Männer sind selten zu leidenschaftlichen Ausbrüchen zu bewegen. Angetrieben von den "südländischeren" Frauen, bietet man am Ende einen munteren Carnevale di Venezia - fröhlicher Ausklang eines angenehmenVormittags.
WalterTreppesch
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Letztes Update: 2000-08-04