Amberger Zeitung 3.Mai1996
Oratorienchor meldet sich
wieder zurück
Erfolgreiche Premiere unter neuer Leitung - "Große Messe in f-Moll"
Amberg. Der Schlußapplaus in der gut besetzten Georgskirche dauerte mehrere Minuten. Er galt nicht allein einem gelungenen Konzert. Die Anerkennung galt vor allem einem Chor, der unter neuer Leitung einen erstaunlichen Generationswechsel vollzogen hat und sich dabei auch noch vergrößern konnte. "Der Amberger Oratorienchor meldet sich zurück", skizzierte Thomas Appel, seit einigen Monaten neuer musikalischer Leiter des Chores, die Situation. Und man kam gleich mit dem Paukenschlag einer Amberger Erstaufführung: Man wagte sich an ein Werk, das in der Vilsstadt schon einmal als zu schwer abgelehnt wurde, die "Große Messe in f-Moll" von Ernst Kutzer. In der Sinfonietta Amberg war diesmal ein kompetenter Partner gefunden, der die immensen technischen Schwierigkeiten mit Selbstverständlichkeit meisterte.
Das Programm ließ stilistische Gegensätze aufeinanderprallen. Am Anfang des Abends stand Vivaldi mit seinem wohl bedeutendsten geistlichen Werk, dem "Gloria". Der größte Violinvirtuose seiner Zeit übertrug die scharf profilierte Technik seiner Streicherkonzerte auch auf die kantatenmäßig angelegte Komposition für Chor, zwei Solostimmen und Instrumente. Lenhard Grünwald gestaltete mit seiner Sinfonietta durch Akzentsetzung und Stufendynamik den Streicherpart zu einem greifbar plastischen, aber auch charmanten barocken Erlebnis. Anja Scholz, Sopran, und Gerhild Romberger, Alt, ließen im Duett "Laudamus te" die Freude an melodischem Verzierungsreichtum spüren. Einen Ruhepunkt bildete das einfühlsame Zwiegepräch in der Arie "Domine, Deus" zwischen Sopran und Oboe (Eriko Nambu). Bernhard Müllers begleitete stilsicher am Cembalo, während er Oratorienehor durch aufmerksame Einsätze und langen Atem technisch überzeugen konnte. Im "Et in terra pax" gelang es Thomas Appel mit eben diesen Eigenschaften eine stimmungswirksame Spannung aufzubauen. Zum Abschluß setzten Trompeten (Matthias Wallny und Wolfgang Weiß) Glanzlichter auf eine stabile Chorfuge, die durch ihren barock-beschwingten Eindruck nachwirkte.
Den großen Stilwechsel kündigte eine Umgestaltung des Instrumentariums an. Das Cembalo wurde durch zwei Pauken (Eckhard Kopetzki) ersetzt, das Kammerorchester wandelte sich durch umfangreichen Bläserzuwachs zum Symphonieorchester. Neben Flöte (Claudia Wallny) und Holzbläsern (Matthias Ernst, Klarinette, und Fabian Schnaidt, Fagott) besetzten auch noch Hörner (Anja Herbach und Eckhard Bosch) und Posaunen (Thomas Gußner und Reiner Pfundstein) ihre Plätze. Das zeitgenössische Werk benötigt außerdem noch einen teilweise achtstimmigen gemischten Chor und vier Solisten (Tenor. Bernhard Hirtreiter, Baß: Carl-Heinz Müller).
Unter den Komponisten der Gegenwart nimmt der mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnete Ernst Kutzer eine herausragende Position ein. Der geborene Münchener besuchte in den dreißiger Jahren die Arnberger Lehrerbildungsanstalt. Später studierte er katholische Kirchenmusik und Komposition an der Musikhochschule München, leitete den Waldsassener Kammermusikkreis und hatte einen Lehrauftrag an der Regensburger Kirchenmusikschule. Sein bisheriges Schaffen umfaßt etwa 150 Kompositionen, 50 davon sind geistlicher Art. Durch seine Werke will er eine breite Öffentlichkeit ansprechen, positiv auf das Gefühl einwirken und den Menschen über den Alltag hinausführen. Diese Absichten decken sich mit denen der barocken Kirchenmusiker und so liegt auch seine "Große Messe in f-Moll" gar nicht so weit von Vivaldis Gloria entfernt wie man zunächst annehmen müßte. Sie entstand im Jahre 1948 anläßlich einer Jubiläumsveranstaltung in Amberg, wurde aber aus bekanntem Grund noch nie hier aufgeführt.
Polyphone Techniken, die in der Barockzeit ihre Blüte erreichten, greift die Satzweise auf. Das Kyrie ist als Doppelfuge gestaltet, viele Schlußpartien enden als einthemige Fugen und Motivimitationen ziehen sich durchs gan2 Werk. Das Notenbild erschreckt den reproduzierenden Musiker mit mehrfachen Vorzeichenbäumen, die ihm ehrfurchtgebietend viel Übungsstunden abfordern. Nicht umsonst, den es wurde wunderbare Musik daraus. Wenn sie die wuchtige Erdenschwere massiver dissonanter Auftakte durch harmonisch verflochten Windungen hindurch wohlgefällig in Dur auflöst und dabei A-Capella-Chöre den beharrlichen Crescendi-Anflügen des Orchesters Einhalt gebieten, so imponiert das. Wenn dann auch noch der Dirigent in der Lage ist, das gewaltige Gebilde mit einem großen Spannungsbogen zusammenzuhalten, so wird Musik zum Erlebnis.
Wer Thomas Appel und seinen Chor aus St. Georg kennt, weiß, wohin er auch den Oratorienchor führen kann. In punkto Stimmbildung sind schon gute Ansätze erkennbar. Für Lagenausgleich, Resonanzbildung und Stimmkondition ist noch konstantes Training erforderlich, was sicher auch noch eine Zeitfrage ist. Ein schwieriges Stück Arbeit liegt bereits hinter dem Chor und seinem neuen Leiter. Im Geiste eines Motivationsschubes können weitere Leistungen erwartet werden. Vielleicht melden sich auch noch einige tragfähige Männerstimmen, die der allgemein bekannten Chorseuche "Männerrnangel" abhelfen?
Der 78jährige Komponist Ernst Kutzer war mi seiner Frau in der Reihe der Ehrengäste im Konzert zu finden. Auf die Frage, ob die eben gehörte Interpretation seinen Vorstellungen entspräche antwortete er: "Die haben Qualität mitgebrachlt, der Dirigent hat alles voll in der Hand gehabt und das ganze sehr dramatisch aufgezogen". Den kann man nur noch hinzufügen: Herzlichen Glückwunsch und weiter so.
Hannelore Zapf-Wolf
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Letztes Update: 2000-08-04