Amberger Zeitung 2.1.2008
Mit Schwung und tänzerischem
Elan ins Jahr
Silvesterkonzert des Amberger
Sinfonieorchesters mit Werken von Mendelssohn Bartholdy und Bizet

Das Amberger
Sinfonieorchester bewies beim Silvesterkonzert im Stadttheater einmal mehr seine
Klasse (Bild: Steinbacher)
Von Siegfried Kratzer
Zu dieser gelungenen Zusammenstellung von
Kompositionen zum Jahreswechsel kann man Thomas Appel nur beglückwünschen.
Erwachsen aus seiner Vorliebe für romantische Komponisten und aus seiner
Wertschätzung für hohes musikalisches Niveau, erreichte er mit dieser
Werkauswahl von Mendelssohn und Bizet träumerische Tiefen ohne in
schwungvoller Leidenschaftlichkeit auf die Leichtigkeit des Seins zu
verzichten.
Dass die Amberger Sinfoniker die Gestade eines Provinzorchesters weit hinter
sich gelassen haben, bewies auch dieser Abend aufs Neue. Dieser ausgezeichnete
homogene Klangkörper, bestehend aus über 40 engagierten Musikern, überwand
in seiner Geschlossenheit und mit den vielfältigen Klangschattierungen
spielerisch die Grenzen der trockenen Akustik im Amberger Stadttheater.
Der Funke zum Zuhörer sprang bereits bei der Ouvertüre zur Hochzeit des
Camacho über, einer noch schlicht geformten aber doch ausdrucksstarken
Komposition des achtzehnjährigen Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit seiner Oper
hatte Mendelssohn wohl nur einen mäßigen Erfolg. Die dynamische
Eingangsmusik aber - Mozarts Einfluss lässt sich nicht leugnen - gefällt
jedoch wegen ihrer Frische und Unverbrauchtheit. Ein gelungener
Konzert-Auftakt!
Glanzpunkt des Abends war das Violinkonzert
e-moll von Felix Mendelssohn Bartholdy, eine Komposition mit gesanglich
leidenschaftlichem, schwungvollem ersten Satz, der süßen Kantilene und dem
geistsprühenden Finale. Letzteres weckte Erinnerungen an die
Sommernachtstraum-Ouvertüre des Komponisten. Brigitte Gerlinghaus, selbst
Mitglied des Amberger Sinfonieorchesters und Vorgeigerin bei den Bamberger
Symphonikern, brillierte überwältigend mit spritziger Eleganz und
feinsinniger Ausdruckstiefe. Mittels virtuoser Bogen- und Fingertechnik
entlockte sie ihrem warm und hell klingenden Instrument Töne, die träumerisch
in die höchsten Regionen führten, um taumelnd in wohlige Tiefen zu gleiten.
Rasante Läufe meisterte sie mit schier unglaublicher Leichtigkeit ohne
Verzicht auf markante Phrasierungen. Dabei büßte ihr virtuoses Spiel nichts
an Sauberkeit bei den zahlreichen Doppelgriffen und Flageolettierungen ein.
Eine unaufdringliche persönliche Note verlieh die Solistin der kunstvoll
angelegten Kadenz im ersten Satz.
Schwer zu sagen, ob das zweite verträumte Thema
in diesem Teil oder das schwärmerische Andante im Mittelsatz von stärkerer
Ausdruckskraft war. Durch das wohldosierte Vibrato rutschte keines der beiden
kantilenen Themen ins Süßliche ab. Eine Meisterleistung dann der letzte
Satz: Dem virtuos beschwingten Hauptthema wird ein zweites, strahlendes gegenübergestellt;
ausgestattet mit Markanzen und raffinierten Phrasierungen. Brigitte
Gerlinghaus entfaltete ihr ganzes künstlerisches Talent ohne sich
selbstherrlich produzierend aus dem Kreis des Orchesters zu lösen. Mit einem
befreiten Lächeln nahm die trotz aller Beschwingtheit konzentriert und
bescheiden agierende Künstlerin den rauschenden Beifall und die Blumen
entgegen.
Dirigat mit vollem Einsatz
Nach der Pause ein weiterer Höhepunkt: Georges Bizets 1.Symphonie in
C-Dur. Dieses Werk besticht mit pointierter Rhythmik und expressiver
Themendynamik in durchgängig meisterlicher Form. Die jeweils strengen
Sonatensätze zum Beginn und am Ende, das feinfühlig vorgetragene Oboensolo
im zweiten Satz mit den drei kunstvoll zusammengefügten Teilen und das
markante Staccato im Scherzo - Thomas Appel ließ als Dirigent mit
Leidenschaft aber ohne Pathos keine übersteigerte Interpretation zu. Mit
Ganzkörpereinsatz meißelte er in fulminanter Dynamik grandios den Schluss
heraus. Damit gelang ihm zusammen mit seinem hervorragenden Ensemble die
Entfaltung formaler Schönheit in künstlerischer Tiefe.
Gelöste Zugaben
Spritzige Eleganz, tänzerischer Elan und graziös verspielter Charme ließen
damit dieses Silvesterkonzert zu einem eindrucksvollen Erlebnis für alle Zuhörer
werden. Tosender Beifall, Bravo-Rufe und Füßetrampeln waren deutliche
Zeichen der Begeisterung. Offenbachs Cancan oder Strauß-Vaters
Radetzky-Marsch - gelöst, fast ausgelassen musiziert und schnell als Zugabe
geliefert - waren wohl als Zugeständnis gedacht an die Jahreswechselstimmung
oder an einen vermeintlichen Publikumsgeschmack. Ob sie aber der Idee oder dem
Niveau des Konzertabends entsprachen, dies möge jeder Zuhörer selbst
beantworten. Ein großer Teil des Publikums patschte vielleicht im Vorgriff
auf die wohl folgende Sektlaune begeistert mit.
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Letztes Update: 2008-01-02